Die Türkei bleibt ein politisch relevanter Akteur, dessen strategische Bedeutung seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine weiter gewachsen ist. Trotz der langjährigen Beziehungen zwischen der EU und der Türkei bedarf das Verhältnis einer grundlegenden Neubewertung. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat die Türkei in eine besondere Position zwischen Konfrontation und Kooperation mit Russland gebracht. Ihre Rolle als Vermittler hat die regionale Handlungsfähigkeit der Türkei gestärkt und zugleich die Grenzen des EU-Einflusses auf das geopolitische Verhalten Ankaras deutlich gemacht.
Die Ergebnisse zeigen, dass der Einfluss der Türkei weder einheitlich positiv noch offen antagonistisch ist, sondern von lokaler Empfänglichkeit, institutionellen Interessen und historischer oder kultureller Nähe geprägt ist. Die Türkei vermeidet in der Regel direkte Konfrontationen mit der EU und setzt stattdessen auf relationale Diplomatie, gezielte Investitionen und langfristiges gesellschaftliches Engagement.
Der politische Einfluss hat durch hochrangige Besuche, Sicherheitskooperation und die Annäherung von Entscheidungsträger:innen vor allem im Kosovo, in der Ukraine und in Nordmazedonien leicht zugenommen. Der wirtschaftliche Einfluss hat sich durch vergünstigte Kredite, Handelsabkommen und Infrastrukturprojekte stetig ausgeweitet. Allerdings lässt die wirtschaftliche Instabilität in der Türkei Zweifel an der langfristigen Nachhaltigkeit dieser Bemühungen aufkommen. Der gesellschaftliche Einfluss erweist sich als die beständigste und am stärksten verankerte Dimension. Durch Kulturdiplomatie, religiöse Netzwerke, Bildungsinitiativen und Medienpräsenz – darunter beliebte türkische Fernsehserien – hat die Türkei dauerhafte gesellschaftliche Verbindungen geknüpft, insbesondere in den mehrheitlich muslimischen Gebieten des Westbalkans.
Der Bericht, verfasst von Marko Todorovic (European Policy Centre) und basierend auf dem neu entwickelten Foreign-Interference-Index von InvigoratEU, plädiert für einen realistischeren und interessengeleiteten EU-Ansatz. Ein solcher Ansatz sollte sowohl die strategische Bedeutung der Türkei als auch die strukturellen Grenzen des EU-Einflusses berücksichtigen. Der Bericht enthält Empfehlungen dazu, wie die EU die Zusammenarbeit in ausgewählten Politikfeldern wieder vertiefen kann, ohne demokratische Rückschritte und geopolitische Divergenzen auszublenden.