Der aktuelle Fokus der EU auf ihre Erweiterungs- und Nachbarschaftspolitik verschiebt ihre Grenzen weiter nach Osten und wird die künftigen Nachbarländer der Union nachhaltig beeinflussen. Die große Erweiterung von 2004 hat gezeigt, wie stark Erweiterungspolitik die europäische Nachbarschaft prägen kann. Diese Effekte verstärken sich nun vor dem Hintergrund eines sich rasch verändernden geopolitischen Umfelds. EU-Nachbarschaftspolitik muss diese Dynamiken daher zwingend berücksichtigen – auch in Zentralasien.
Das Kapitel „Geopolitics in Central Asia: The European Union Participating in a New Great Game over Land-Locked Countries?" von Julian Plottka, welches im Sammelband „The European Union’s Geopolitics” von Mathias Jopp und Johannes Pollak erscheint, untersucht, wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine die geopolitische Lage in Zentralasien verändert hat und welche Auswirkungen dies auf die Politik der EU hat. Es zeigt auf, dass klassische geopolitische Ansätze – wie Mahans These zur Verwundbarkeit von Binnenstaaten oder Mackinders Heartland-Theorie – erneut an Bedeutung gewinnen, da Zentralasien stärker zum Raum geopolitischer Konkurrenz und Konnektivität wird. Gleichzeitig deuten aktuelle Analysen der Machtpolitik auf ein verschärftes „New Great Game“ zwischen Russland, China und den Vereinigten Staaten hin. Doch die zentralasiatischen Staaten bleiben nicht passiv: Mit zunehmend aktiven multivektoriellen Strategien gestalten sie den geopolitischen Wettbewerb selbstbewusst mit.
Ein Blick auf die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Region verdeutlicht zudem Chancen und Herausforderungen für die EU – von sicherheitspolitischen Fragen über wirtschaftliche Entwicklung und soziale Ungleichheiten bis hin zur ökologischen Transformation. Vor diesem Hintergrund bewertet das Kapitel, wie die EU ihre Zentralasienpolitik strategischer ausrichten kann, um auf eine Region zu reagieren, die sowohl umkämpfter als auch eigenständiger wird.