Jahrbuch der Europäischen Integration 2017

Die Debatten zur Zukunft Europas erfuhren im Jahr 2017 einen neuen Antrieb, nachdem sich eine Mehrheit der briti­schen Wähle­rInnen im Juni 2016 für einen EU-Austritt des Verei­nigten König­reichs entschieden hatte. Das Brexit-Votum markiert damit nicht nur eine Zäsur in der europäi­schen Integra­ti­ons­ge­schichte, sondern stellt die verblei­bende EU-27 abermals vor schick­sals­trächtige Fragen: Welches Europa und wie viel Europa wollen wir? Welche Zugeständ­nisse sind wir bereit, dafür zu machen?

Auf EU-Ebene setzten sich intensive Zukunfts­re­fle­xionen in Gang. Die Staats- und Regie­rungs­chefs der EU-27 bekräf­tigten im September 2016 auf dem Gipfel von Bratislava ihr Bekenntnis zur europäi­schen Integration und beschlossen einen Fahrplan für EU-Reformen. Die Europäische Kommission stellte im März 2017 ihr „Weißbuch zur Zukunft Europas“ mit fünf möglichen Szenarien für die Union im Jahr 2025 vor. Mit dem 60. Jubiläum der Römischen Verträge am 25. März 2017 sollte ein Hohepunkt dieses Refle­xi­ons­pro­zesses erreicht werden, der in einer gemein­samen Erklärung der führenden Vertreter von 27 EU-Staaten und des Europäi­schen Rates, des Europäi­schen Parla­ments und der Europäi­schen Kommission mündete. Gabriele Clemens geht anlässlich dieses Jubiläums seiner histo­ri­schen Bedeutung für die noch immer währende Frage nach der Finalität des Integra­ti­ons­pro­zesses im Gastbeitrag „60 Jahre Römische Verträge“ nach. Am 1. Juli 2017 erinnerte auch der erste Europäische Trauerakt zu Ehren Helmut Kohls mahnend an die histo­risch-kultu­rellen Wurzeln der europäi­schen Einigung, zu der der ehemalige Bundes­kanzler und Ehren­bürger Europas maßgeblich beigetragen hat.

Doch der Blick in die Zukunft ist getrübt: Die scheinbar wieder­be­lebte Integra­ti­ons­dy­namik täuscht nicht über die „strate­gische Sprach­lo­sigkeit“ der EU-Spitzen hinweg, bilan­ziert Werner Weidenfeld. Für viele Probleme der Vorjahre – sei es die Migra­ti­ons­krise oder das Ausbleiben notwen­diger Reformen in der Wirtschafts- und Währungs­union – sowie Fragen über den künftigen Integra­ti­onskurs gibt es bislang weder nachhaltige Lösungen noch innovative Antworten. Nur in der Brexit-Frage überraschten die Staats- und Regie­rungs­chefs der EU-27 durch Geschlos­senheit und Einigkeit. Mit Beginn der Austritts­ver­hand­lungen bezogen sie klare Fronten gegenüber Großbri­tannien und der im Konsens zum Chefun­ter­händler ernannte Michel Barnier hat die heikle Aufgabe übernommen, den bestmög­lichen Deal für die Union und ihre Bürge­rInnen zu verhandeln. Das Jahrbuch widmet dem Präze­denzfall Brexit einen eigenen Beitrag. Als Idealfall für ein „known unknown“ nahmen die wissen­schaft­lichen Arbeiten zum EU-Austritt Großbri­tan­niens zu, es kam aber im Zuge der Fragen nach der Weiter­ent­wicklung der EU-27 auch zu einer Wieder­be­lebung des Themas diffe­ren­zierte Integration, wie der Beitrag „Die Europa­po­litik in der wissen­schaft­lichen Debatte“ deutlich macht.

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Das „Jahrbuch der Europäi­schen Integration“ des Instituts für Europäische Politik (Berlin) dokumen­tiert und bilan­ziert seit 1980 zeitnah und detail­liert den europäi­schen Integra­ti­ons­prozess. Entstanden ist in 37 Jahren eine einzig­artige Dokumen­tation der europäi­schen Zeitge­schichte. Das „Jahrbuch der Europäi­schen Integration 2017“ führt diese Tradition fort. In über 100 Beiträgen zeichnen die Autorinnen und Autoren in ihren jewei­ligen Forschungs­schwer­punkten die europa­po­li­ti­schen Ereig­nisse des Berichts­zeit­raums 2016/17 nach und infor­mieren über die Arbeit der europäi­schen Insti­tu­tionen, die Entwicklung der einzelnen Politik­be­reiche der EU, Europas Rolle in der Welt und die Europa­po­litik in den Mitglied­staaten und Kandi­da­ten­ländern. Die Jahrbücher und damit über drei Jahrzehnte europäi­scher Zeitge­schichte stehen zudem unter www.Wissen-Europa.de online zur Verfügung.

Das „Jahrbuch der Europäi­schen Integration“ ist ein Projekt des Instituts für Europäische Politik, Berlin, das in Koope­ration mit dem Centrum für angewandte Politik­for­schung der Univer­sität München (C.A.P.) und des Centre for Turkey and European Union Studies (CETEUS) der Univer­sität zu Köln verwirk­licht wird.


Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld / Prof. Dr. Wolfgang Wessels (Hrsg.):

Jahrbuch der europäi­schen Integration 2017,

Nomos Verlag, Baden-Baden, 2017, 604 S., brosch., ca. 89,- Euro

ISBN 978–3‑8487–3200‑5

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Das „Jahrbuch der Europäi­schen Integration“ wird vom Auswär­tigen Amt gefördert. Für die Inhalte zeichnet alleine das IEP verantwortlich.


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